Das Sonnwendfeuer war ursprünglich kein Zeichen von Furcht, sondern ein Ausdruck von Freude, Lebenskraft und Verbundenheit mit der Sonne. Wenn es entzündet wurde, geschah das nicht aus Angst vor Dunkelheit oder Gefahr, sondern aus dem Wunsch heraus, sich mit der Sonne als Quelle des Lebens zu verbinden. Auf ihrem höchsten Stand sollte sie symbolisch gestärkt und begleitet werden.
Zur Sommersonnenwende wollten die alten europäischen Kulturen der Sonnengottheit nahe sein und ihr ihre Kraft entgegenbringen. Die Vorstellung, dass Menschen durch Feste, Opfergaben und Rituale auf die Sonne einwirken und sie unterstützen können, findet sich auch bei anderen Völkern. Besonders ausgeprägt war dieser Gedanke bei den Azteken. Sie glaubten, die Sonne erschöpfe sich während der Nacht in ihrem Kampf gegen die Sterne und sei deshalb auf die Hilfe der Menschen angewiesen. Daraus entstanden blutige Opferrituale, bei denen Gefangenen auf den Pyramiden das noch schlagende Herz entnommen und der Sonne, beziehungsweise den Sonnengöttern Huitzilopochtli oder Tonatiuh, dargebracht wurde.

Im Zentrum des Sommersonnwendfestes steht jedoch vor allem das große, lodernde Freudenfeuer: das Johannisfeuer.
In vielen Gegenden war es Aufgabe der jungen Burschen, schon Tage oder Wochen vorher Holz zu sammeln und aufzuschichten. Manchmal gingen sie dafür von Haus zu Haus und baten die Dorfbewohner mit alten Versen um Holz. In Kärnten hieß es zum Beispiel:
“Heiliger Veit,
i bitt um a Scheit,
a kurzes und a langs
zan Sunnawendtanz.“
Auch aus dem Spessart ist ein solcher Heischereim überliefert:
“Sunnwendfeuer
der Haber ist teuer.
Wer kein Holz zum Feuer git
erreicht das ewige Leben nit.“
Das Johannisfeuer als Notfeuer
Das Johannisfeuer galt traditionell als sogenanntes Notfeuer. Damit war jedoch kein Feuer aus Not oder Bedrängnis gemeint. Der Begriff verweist vielmehr auf ein „genötigtes“ Feuer, althochdeutsch Hnotfiur, also ein durch Reibung hervorgebrachtes Feuer. Es wurde nicht mit Feuerstein, Stahl, glimmender Kohle oder später mit Streichhölzern entzündet, sondern durch die Reibung von Holz auf Holz.
Dazu konnte ein Stab auf ein Brett gepresst und mit einem Seil so lange hin- und herbewegt werden, bis Hitze entstand und das Holz zu glimmen begann. In manchen Gegenden verwendete man auch ein hölzernes Wagenrad, das auf einer darunterliegenden Holzscheibe gedreht wurde. In frühen Vorstellungen hatte dieser Vorgang eine schöpferische Bedeutung: Die Reibung wurde als eine Art Zeugungsakt verstanden. Das weichere, unten liegende Holz galt als weiblich, das härtere, darüberliegende Holz als männlich. Aus ihrer Verbindung entstand durch Hitze und Glut das neue Feuer, das „Feuerkind“.
Entfacht wurde das Sonnwendfeuer am Abend, wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet.

Diese Zeit der Dämmerung galt, ebenso wie der Tag der Sommersonnenwende selbst, als besondere Schwellenzeit. Sie gehört weder ganz dem Tag noch ganz der Nacht. In solchen Zwischenräumen, in denen die gewohnte Ordnung für einen Moment offen erscheint, sahen besonders die Kelten eine magische Qualität: eine Zeit, in der Wandel möglich wird.
Bevor das neue Feuer geboren wurde, löschte man früher die alten Feuer in Herden und Öfen. Nach dem Fest, am frühen Morgen und mit dem ersten Licht des neuen Tages, wurde die frische Glut in die Häuser zurückgetragen. So erhielt jede Heimstätte ein erneuertes Feuer. Es stand für Reinigung, Lebenskraft und einen gemeinsamen Neubeginn.
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