Was die Weide so geheimnisvoll macht

Die Weide ist wie der Holunder ein Schwellenbaum. Die mit ihr verbundenen Mythen und Zauberpraktiken ähneln jenen um den Holunder, und doch sind sie anders. Nicht nur steht die Weide an der Schwelle zwischen dem Reich des Samain und dem der Brigit, sie steht auch an der Schwelle zwischen dem festen Land und dem Wasser, an der Pforte der Unterwelt. Sie steht zwischen dem aufkeimenden und dem vergehenden Leben.

Der schnellwüchsige Baum strotzt nur so vor Lebenkraft. Immer wieder, egal wie oft man sie stutzt, treibt die Weide wieder aus – man denke nur an die »Köpfe« der Korbweiden. Abgebrochene Ruten braucht man nur in den feuchten Boden zu stecken und schon wurzeln sie wieder an. Aber ebenso schnell, wie sie wächst, stirbt sie auch wieder ab; rasch verrottet und fault ihr weiches, weißes Holz. Noch während des Wachsens sterben immer wieder Äste, das Holz fault weg und hinterlässt hohle Stämme, in denen sich eine vielfältige Fauna einnistet.

Das Geheimnis der Weide und der Mond

Die schnell wachsende und schnell wieder vergehende Weide assoziierte man mit dem ständig zu- und abnehmenden Mond. Auch Nicholas Culpeper und die Herbalastrologie entdeckt in der Weide eine eindeutige lunare Signatur. Dem Mond, der Mondgöttin, gehört alles schnell Wachsende und wieder Vergehende, alles Weiche, Faulige, Biegsame, Wässrige und Empfängliche.

»Mondhaft« sind die morastigen Niederungen, Bachufer und Quellgebiete, in denen die Gattung Salix (von kelt. sal = nahe, lis = Wasser) gedeiht.

Mondhaft sind auch die biegsamen, zum Korbflechten vorzüglich geeigneten Ruten. Das Wort »Weide« (vom indogerm. Wortstamm *uei) bedeutet so viel wie »biegen, winden, flechten«. Von demselben Wortstamm kommen auch »weich«, »Weib«, »weichen«, »winden« oder »Wand«. Die Wände der keltischen Häuser bestanden aus Weidenflechtwerk: Wie beim Korbflechten wurden die biegsamen Weidenruten um aufrecht gestellte Haselstäbe gewunden und dann mit Lehm verschmiert.

Darauf, dass dieser früh blühende Baum zum Vollmond der weißen Lichtjungfrau Brigit gehörte, gibt es viele Hinweise. Er verkörpert wie sie das Feuchte, Weiche, Kühle. Die Zeit der Weidenblüte steht im Jahreskreis den trockenen, heißen Hundstagen im August diametral gegenüber. In diesem Zusammenhang wird es verständlich, dass die Germanen es als erniedrigende Strafe ansahen, einen Missetäter zu zwingen, während der heißen Hundstage, Weidenruten zu tragen. Es zeigte an, dass er nicht in Harmonie mit seiner Mitwelt lebte.

Weide als Hexenbaum

Brigit ist die Muse der Heiler, Dichter und Zauberer, also jener schamanisch begabten Individuen, die dann später im christlichen Mittelalter allzu leicht in Verdacht gerieten, Hexen zu sein. In diesem Zusammenhang wurde die Weide auch zum Hexenbaum. Hohle Weidenstämme sind heimliche Pforten zur Anderswelt. Hier an der Grenze zwischen dem werdenden, wachsenden und dem abnehmenden Leben halten sich Geister und Gespenster mit Vorliebe auf. Hexen – Schamaninnen – gehen hier ein und aus, um den »Teufel« oder die Hexengöttin zu besuchen.

Es soll beobachtet worden sein, wie junge Hexen in einem hohlen Weidenstamm verschwanden und als fauchende Katzen wieder zum Vorschein kamen. Im Weidengestrüpp nistet auch der Wendehals, der Vogel der Hexengöttin. Im Saterland, einer »Insel« im großen friesischen Moor, hieß es, wer Hexe werden will, der setze sich unter einen Weidenbaum, halte sich an einem Zweig fest und sage feierlich folgende Worte: »Hier sitte ich unnerm Willgen un verswere Gott un alle Hillgen.« (Hier sitze ich unter der Weide und schwöre Gott und allen Heiligen ab.) Alsbald erscheint der Hinkefuss oder auch die Hexenkönigin, die einen Weidenstab als Zepter tragen. Sie prüfen die Gesinnung des Anwärters und lassen ihn mit dem eigenen Blut unterschreiben. Dann ist er oder sie Hexe und hat die Fähigkeit, Wetter zu machen, Schadenzauber zu betreiben, aber auch zu heilen.

blühende Weide (Salix spp.)

Vielerorts glaubte man, dass die Hexen früh am Morgen den Tau von den Weidenzweigen streifen, um Frost und Raureif zu machen. Mit Flöten aus Weidenholz können diese Unholde zerstörerische Winde heraufbeschwören. Auch rächen sie sich für das vermeintliche Unrecht, welches die Gesellschaft ihnen zufügt, indem sie Weidenzweige verknoten und dadurch den Menschen und dem Vieh Krankheit und Seuche anhexen. Eine Beschwörungsformel aus dem Fingeralphabet des irischen Hexenkultes lautet:

»Weidenstab, Ohrfinger
Durch die Kraft des Wahrsagens
Presse Geständnisse aus dem Mund
Eines modernden Leichnams.«

Robert Graves versucht einen Zusammenhang zwischen den englischen Worten wicker (=Weidenzeug, Flechtwerk, Weidenkorb), wicked (= böse) und witch (= Hexe) herzustellen. Das ist verlockend und vielleicht auch sinngemäß richtig, aber nicht unbedingt etymologisch korrekt. Witch (angelsächs. m. wicca, f. wicce) sowie wicked entstammen einem altgermanischen Begriff, der sich entweder von witega (Seher, Wissender, Zauberer) ableitet oder von einem alten Wort, das weitläufig mit dem deutschen »weihen« (auch mit lat. victima = »geweihter Mensch oder Tier, das in einer religiösen Zeremonie getötet wird«) zusammenhängt. Wicker dagegen entstammt dem angelsächsischen wic-en (= biegsam, beweglich). Aber, wie gesagt, die Verbindung besteht trotzdem. Hexen sind – wie mir eine neulich versicherte – biegsam und anpassungsfähig – wie die Weide. Zwar brechen die Zweige leicht und das Holz fault schnell, aber dennoch treibt sie immer wieder aus.

Die bindende Kraft der Weide

Die Weide ist nur scheinbar schwach; sie versinnbildlicht die Stärke in der Schwäche. (Diese Weidensymbolik kennt übrigens auch der Taoismus.) Mit Weidenzauber kann man jemanden ebenso fest binden, wie man seine Hände und Füsse mit Streifen der abgeschälten jungen Rinde fesseln kann. Weidenrinde ist ein starkes Bindemittel: Winzer banden ihre Reben damit an und, wenn sie keine eisernen Fassbänder hatten, hielt Weidenrinde die Dauben der Fässer zusammen. Auch das Birkenreisig des Kultbesens (Hexenbesen) wurde mit Weidenrinde am Stiel (aus Eschen- oder Haselholz) festgebunden.


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Über den Autor

Ethnobotaniker, Kulturanthropologe

1974 Promotion zum Doktor der Ethnologie (magna cum laude) in Bern, Schweiz. Es folgen langjährige internationale Lehrtätigkeit sowie zahlreiche Reisen, ethnographische und ethnobotanische Feldforschungen. Er ist Autor von mehr als 35 Büchern, die in viele Sprachen übersetzt wurden.

Die wilde, ursprüngliche Natur war stets seine Inspiration, formte seine Lebensphilosophie. Pflanzen sind für ihn nicht nur botanische Gegenstände, sondern haben, durch ihre Wechselbeziehung mit den Menschen, auch eine kulturelle, sprachliche, heilkundliche und mythologische Identität.

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