Einer alten, seit zahlreichen Generationen überlieferten Anekdote ist zu entnehmen, dass eines Tages der mit umfangreichem Wissen versehene Lehrer – es war Jivaka, der Arzt des Buddha, sein Name war ‘tsho byed gzhon nu – die um ihn versammelten Schüler aufforderte, den Unterrichtsraum zu verlassen, um in der Umgebung nach Pflanzen Ausschau zu halten, die keinerlei Heilwirkung aufweisen. Mit diesem Auftrag versehen, machten sich die Schüler auf den Weg.
Einige der Ausgesandten kamen bereits nach kurzer Zeit zurück. Sie trugen diverseste Wurzeln, Früchte eines Baumes, Blüten, etc. in der Hand. Andere benötigten etwas länger. Doch einer der Schüler, er war mit besonderen Talenten versehen, konnte, so sehr er sich auch bemühte, keinerlei Pflanze ohne Heilwirkung finden, und kam aus diesem Grund am dritten Tag mit leeren Händen wieder zu seinem Lehrer zurück. Natürlich pries ihn sein Lehrer, da laut seinen Ausführungen in der Natur nichts ohne Heilqualitäten zu finden sei.
Diese kleine Geschichte soll uns darin bestärken, vermehrt europäische Pflanzen in der Therapie einzusetzen und auf deren umfassende Heilwirkung zurückzugreifen. Wir können zwar nicht auf den großen Erfahrungsschatz der TCM verweisen, jedoch hat es auch in unseren Breitengraden in den vergangenen Jahrhunderten einige erfahrene Kräuterspezialisten gegeben, deren Schriften uns noch im 21. Jahrhundert als Arbeitsgrundlage dienen können.
Worin liegen nun die Stärken des Traditionellen Chinesischen Medizinsystems?
Die TCM sticht vor allem durch die überaus exakte Beschreibung der in ihrer Materia Medica vorkommenden Pflanzen hervor. So werden neben Geschmack, thermischer Wirkung, Organzuordnung jeweils die speziellen Wirkungen und die empfohlenen Tagesdosierungen angegeben.
Eine weitere Stärke der Traditionellen Chinesischen Ärzte war es, über die Beschreibung der Einzelkräuter hinaus, Rezepte zusammenzustellen, deren Aufbau über eine wunderbare Präzision verfügt. So kommen in den meisten TCM-Rezepturen folgende Bestandteile vor: Kaiserkräuter, Ministerkräuter, Polizeikräuter sowie Botenkräuter.

Hopfen getrocknet (Strobulus Lupuli)
An dieser Stelle nun ein Beispiel für eine Rezeptur, die das Yin nährt:
Yin steht in diesem Zusammenhang unter anderem für die Substanz des Körpers. Ein Yin-Mangel entwickelt sich nicht über Nacht. Dementsprechend nimmt die Therapie eines Yin-Mangels lange Zeit in Anspruch. In der klassischen Literatur wird angegeben, dass die Therapie eines Yin-Mangels bis zu sieben Jahre benötigt. Ein Yin-Mangel hat verschiedene Ursachen: Verlust von Körpersäften durch starkes Schwitzen, Blutverluste, Erbrechen, Durchfall, Geburten, Stillen, bei Männern zu häufiges Ejakulieren, übermäßige Einnahme scharf-heißer Nahrungsmittel sowie Kräuter, Schlafmangel.
Typisch für einen Yin-Mangel sind folgende Symptome: Nachtschweiß, Verschlimmerung der Beschwerden ab siebzehn Uhr, „Hitze der fünf Herzen“ (Handinnenflächen, Fußsohlen und Brustkorbbereich), Durstgefühl, körperliche Auszehrung, Trockenheit der Schleimhäute, Verschlimmerung durch Bewegung sowie ein Gefühl der inneren Unruhe.
Eine den Symptomen entsprechende Rezeptur inklusive Dosierungsangaben pro Tag ist:
- Strobulus Lupuli (Hopfen): 3 g Kaiserkraut
- Herba Equiseti (Ackerschachtelhalm): 10 g Ministerkraut
- Herba Stellariae media (Vogelmiere): 4,5 g Ministerkraut
- Herba Galeopsidis ockergelber (Hohlzahn): 4,5 g Ministerkraut
- Herba Agrimoniae (Odermennig): 3 g Polizeikraut
- Folium Melissae (Melisse): 3 g Polizeikraut
Indikation:
- „Brennende“ Knochenschmerzen,
- Fieber am Nachmittag,
- dünner, ausgezehrter Körper,
- innere Unruhe,
- Ohrensausen,
- Drehschwindel,
- Durst,
- Patient trinkt trotzdem wenig,
- die “5 Herzen” (Handflächen und Fußsohlen sowie Brustkorb) sind warm,
- Nachtschweiß,
- sowie Verschlimmerung durch Bewegung.
Ackerschachtelhalm (Herba Equiseti)

Die korrespondierende Beschreibung der oben angeführten Rezeptur aus westlichen Kräutern lautet:
Als Kaiserkraut dient der bittere, leicht adstringierende, scharfe, thermisch kühle Hopfen (Strobulus Lupuli). Dieser klärt Hitze, beruhigt den Geist (Shen), nährt aber andererseits das Nieren- und Herz-Yin. Der bittere, adstringierend wirkende, thermisch kühle Ackerschachtelhalm (Herba Equiseti) nährt das Nieren-Yin. Dieses Ministerkraut hat einen speziellen Bezug zu den Knochen und kann zur Behandlung von „brennenden“ Knochenschmerzen sowie Fieber am Nachmittag eingesetzt werden. Die beiden Ministerkräuter Vogelmiere (Herba Stellariae media) und ockergelber Hohlzahn (Herba Galeopsidis) unterstützen die Yin-tonisierende Wirkung der beiden zuvor beschriebenen Kräuter. Odermennig (Herba Agrimoniae) ein bitteres, leicht adstringierendes, thermisch kaltes Kraut, wirkt hauptsächlich auf den Bereich von Leber und Gallenblase, aber auch auf Dickdarm und Magen. Dieses Polizeikraut senkt Hitze ab und wirkt Feuchter-Hitze entgegen. Auch das Polizeikraut Melisse (Folium Melissae) ist bitter, leicht adstringierend und thermisch kalt. Sie unterstützt Hopfen (Strobulus Lupuli) in der Herz-Feuer beruhigenden Wirkung.
Fazit für die Praxis
„Westliche Kräuter“ nach den Kriterien der TCM zu untersuchen, zu monographieren und im Rahmen einer präzisen, energetisch gestellten Diagnose um Wohle der Patienten einzusetzen, kann eine Bereicherung der ärztlichen Tätigkeit darstellen. Im Sinne des Leitsatzes: „das Alte bewahren, das Neue begrüßen“.
Literaturempfehlungen
Ploberger, F. (2017) Westliche und traditionell chinesische Heilkräuter, Schiedlberg: Bacopa.
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Europäische Kräuter aus Sicht der TCM

Die Traditionelle Chinesische Medizin ist eine ganzheitliche Heilkunst, die bereits seit 500 v. Chr. Anwendung findet und Körper, Geist und Seele in Einklang bringt. Die Behandlungsmethoden der TCM umfassen unter anderem Akupunktur, Diätetik und Kräuterheilkunde. Die Anwendung von Heilpflanzen im Rahmen der TCM steht in diesem Onlinekurs im Fokus.
Über den Autor

Dr. med. Florian Ploberger, B.Ac., MA
TCM-Arzt, Tibetologe
Internationale universitäre und interdisziplinären Lehrtätigkeit und zahlreiche Publikationen. Präsident der ÖAGTCM. Von der Direktion des Men-Tsee-Khang (Institut für Tibetische Medizin und Astrologie in Dharamsala, Nordindien) mit der Übersetzung des bedeutendsten Werkes der Tibetischen Medizin (rgyud bzhi) beauftragt. Direktor der “Alliance of Research and Development of Traditional Medicine, Complementary Medicine and Integrative Medicine” der Fudan University in Shanghai.
Mehr Informationen unter www.florianploberger.com
