Nachdem die Menschen anfingen, die Wälder zu roden, ging es ihnen schlechter.
Entgegen den Mythen vom Segen des Fortschritts und der Zivilisation konnten Kulturanthropologen wie Marshall Sahlins zeigen, dass Jäger und Sammlerinnen allgemein besser lebten als die neolithischen Bauern. (Sahlins 1972) Er bezeichnete die Wildbeuterkulturen als die »ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft«.
Leichtigkeit statt Zwang
Um ihr Leben zu bestreiten, benötigten sie pro Kopf weniger Zeit und Energie als jede andere Gesellschaftsform. Wie ethnographische Feldforschungsberichte zeigen, machen die Sammelausflüge Freude; es wird gesungen und gelacht, Kinder und Alte können mit dabei sein; und für die Männer ist die Jagd ein Abenteuer, das die Sinne schärft und die Seele befeuert. Die damaligen Wildbeuter verfügten zudem über eine ausgewogene, breit gefächerte Diät und sie lebten in einer intakten Umwelt mit sauberem Wasser.
„Zivilisation ist ein Fortschritt, der uns unsere Freiheit kostet.“
Die Erfindung der Arbeit
Das Verlassen des Waldes brachte der Menschheit neue Leiden:
Die Arbeit wurde erfunden. Wie es in der Bibel heißt, mussten sich die Kinder Adams und Evas, nachdem Gott sie aus dem baumreichen Paradies verjagte, »im Schweiße ihres Angesichts« und auf Äckern voller »Disteln und Dornen« ernähren.
Das Wort Arbeit – Wildbeuter kennen diesen Begriff nicht – sagt schon alles:
Das althochdeutsche Wort arabeit bedeutet »plagen, angestrengt tätig sein«, dem Begriff liegt das germanische araþi (= Mühsal, Plage, Beschwernis) zugrunde. Verwand ist das slawische robota (= Frondienst, Knechtschaft). Die spanischen und französischen Wörter für Arbeit, trabajo und travail, entstammen dem lateinischen trepaliare (= quälen, Leid erzeugen); italienisch lavoro und englisch labour (amerikanisch labor), dem lateinischen laborare entlehnt, bedeutete ursprünglich »sich bis zur Erschöpfung abmühen, an etwas leiden«.
Pflanzen und die neue Mühsal
Es waren bestimmte Pflanzen, vor allem die Getreidegräser, die die Menschen zu Arbeitssklaven machten. Da mussten der Boden beackert und gepflügt, die Samen eingesät, Körner pickende Spatzen und andere Vögel verjagt und die Beikräuter gehackt und gejätet werden. Das Vieh musste versorgt und gefüttert werden und so weiter und so fort.

Die schweißtreibende Arbeit war eintöniger und anstrengender als das Jagen und Sammeln, welches zuvor rund drei Millionen Jahre lang das Leben der Menschen bestimmt hatte.
Gesundheitliche Folgen
Neue Krankheiten erschienen, die Gesundheitslage der Menschen verschlechterte sich. Die neolithischen Bauern waren um einen Kopf kleiner als die mesolithischen Wildbeuter, die Säuglingssterblichkeit war höher und die Lebenserwartung, insbesondere der Frauen, verringerte sich. (Porter 2003:18).
Das harte Schuften zeigte sich zum Beispiel am Knochenverschleiß. Bei vielen Jungsteinzeit-Leuten lassen sich degenerative Veränderungen der Wirbelsäule und Gelenkverschleiß nachweisen. In manchen dieser Kulturen litt mehr als die Hälfte der Bevölkerung an ernährungsbedingten Krankheiten wie Zahnverfall, Rachitis und, wie in einem süddeutschen Gräberfeld festgestellt werden konnte, sogar an Knochenkrebs.
Eine einseitige Ernährung mit einem Überschuss an Kohlehydraten, einem Mangel an Vitaminen und Spurenelementen wie Eisen sind dafür verantwortlich. In den paar Millionen Jahren vorher gab es weder Milch noch Brot, auch keine pflanzlichen Öle.
Hygiene und Krankheiten
Problematisch bei einem sesshaften Lebensstil ist auch die Ansammlung von tierischen und menschlichen Ausscheidungen und anderen Abfällen. Oft wurde dadurch das Wasser verunreinigt und der Befall mit Darmparasiten, Amöben und Würmern begünstigt. Die Abfälle zogen Fliegen und anderes Ungeziefer an. Die Stubenfliege kannte man bis dahin in Mitteleuropa nicht, sie wurde mit den Bauern und ihren Rindern, Schafen und Schweinen aus dem Vorderen Orient eingeschleppt.
In einer dauerhaften Behausung nisten sich leicht Flöhe, Läuse, Milben und Bettwanzen in die Schlaflager ein; Getreidelager, Dörrfleisch und andere Vorräte ziehen Mäuse, Ratten, Käfer, Zünsler, Motten und andere Mitfresser an, die allesamt Vektoren für ansteckende Krankheiten sind.
Grippe, Pocken, Masern, Aussatz (Lepra), Typhus, Tuberkulose, Ruhr, Milzbrand, Gallenbrechdurchfall (Cholera) und andere Infektionskrankheiten waren den alt- und mittelsteinzeitlichen Jäger-und-Sammler-Kulturen nicht bekannt.
Die meisten dieser Krankheiten hatten die Menschen den domestizierten, geknebelten, ausgebeuteten, kastrierten Tieren zu verdanken, mit denen sie nun ihren Lebensraum teilten. Das dichte Zusammenleben mit dem Vieh und überhaupt eine hohe Populationsdichte machte es den pathogenen Viren, Protozoen, Bakterien und Würmern leicht, die Grenze von einer Säugetierart zur anderen zu überspringen.
Brucellose und Milzbrand wurden von Rindern, Ziegen und Schafen auf die Menschen übertragen; von Kühen kamen Pocken, Masern und Tuberkulose; von Enten und Schweinen die Grippe und so weiter.
Bei den europäischen Wanderfeldbauern, den Bandkeramikern, waren die ansteckenden Krankheiten nicht so ausgeprägt wie in den überbevölkerten Bewässerungskulturen, wo sie periodisch als verheerende Pandemien auftraten. Es sind die »biblischen Plagen«, mit denen der zürnende Gott der Hebräer die ägyptische Sklavengesellschaft bestrafte.
Warum wurde der Mensch sesshaft?
Die Frage, die sich uns nun stellt, ist: Warum wurden die Menschen sesshaft, trotz Arbeitslast und Verschlechterung der gesundheitlichen Situation? Was brachten ihnen Ackerbau und Viehwirtschaft? Warum verbreitete sich die landwirtschaftliche Lebensweise im Laufe der Zeit über die ganze Erde?
Ein Hauptgrund wird wohl sein, dass man mit der neuen Wirtschaftsweise viel mehr Menschen ernähren konnte. Im Vergleich zu den Jägern und Sammlern wurde es möglich, dass bis zu hundertmal so viele Menschen auf einer begrenzten Fläche leben konnten.
Im Nahen Osten stieg die Bevölkerungszahl zwischen 7000 und 2000 v. u. Z. um das Sechzigfache. Mehr Menschen bedeutete mehr Macht – da hatten die Jäger-und-Sammler-Kulturen nichts dagegenzusetzen –, zugleich aber auch einen stärkeren ökologischen Fußabdruck.
Die natürliche Umwelt, in der sich Wildbeuter frei bewegen konnten, war im Schwinden begriffen.
Über den Autor

Dr. phil. Wolf-Dieter Storl
Ethnobotaniker, Kulturanthropologe
1974 Promotion zum Doktor der Ethnologie (magna cum laude) in Bern, Schweiz. Es folgen langjährige internationale Lehrtätigkeit sowie zahlreiche Reisen, ethnographische und ethnobotanische Feldforschungen. Er ist Autor von mehr als 35 Büchern, die in viele Sprachen übersetzt wurden.
Die wilde, ursprüngliche Natur war stets seine Inspiration, formte seine Lebensphilosophie. Pflanzen sind für ihn nicht nur botanische Gegenstände, sondern haben, durch ihre Wechselbeziehung mit den Menschen, auch eine kulturelle, sprachliche, heilkundliche und mythologische Identität.
Mehr Informationen unter www.storl.de
